26.02.2018

EBA-Stresstest trifft auf IFRS 9


1. Rahmen abstecken

Am 17. November 2017 veröffentlichte die EBA die endgültigen Methoden für den EU-weiten Stresstest 2018. [1] Der Stresstest wurde im Januar 2018 mit der Veröffentlichung der makroökonomischen Szenarien angestoßen. Die erste Lieferung von Ergebnissen an die EBA ist für Anfang Juni desselben Jahres vorgesehen. Die endgültige Datenlieferung an die EBA soll Ende Oktober erfolgen. Die finalen Ergebnisse werden bis spätestens 2. November 2018 veröffentlicht. Der Stresstest umfasst 48 ausgewählte EU-Großbanken. Vergleichbar mit früheren Tests konzentriert sich der aktuelle Stresstest auf die Bewertung des Einflusses von Risikotreibern auf die Solvabilität der Banken. Die Risikotreiber werden in Kredit-, Markt-, Kontrahentenausfall- und operatives Risiko unterteilt. Allerdings wird dieses Mal der Kreditrisikoabschnitt aktualisiert, um die neuen Anforderungen von IFRS 9 - Finanzinstrumente abzudecken. Die teilnehmenden Banken sind angehalten, die Auswirkungen eines makroökonomischen Baseline- und Adverse-Szenarios auf GuV und die Kapitalpositionen unter Einhaltung der EBA-Methoden abzubilden. Gleichzeitig sollen sie die Auswirkungen von IFRS 9 für das Startdatum (1. Januar 2018) und Prognosen (2018–2020) während der Stresstestperiode berücksichtigen. Das heißt, dass Banken eine Brücke zwischen der Anwendung ihres implementierten Rechnungslegungsansatzes für IFRS 9 und der Erfüllung der EBA-Methoden für Kreditrisiken schlagen müssen.


2. Intensives erstes Quartal 2018

Bis Ende März 2018 sollen die Banken die Umsetzung der IFRS 9-Anforderungen endgültig abgeschlossen haben, um die IFRS 9-Eröffnungsbilanz zu erstellen, drei Monatsabschlüsse durchzuführen und den ersten Quartalsabschluss aufzubereiten. Neben dem EBA-Stresstest machen weitere regulatorische Initiativen die IFRS 9-Eröffnungsbilanz im ersten Quartal 2018 erforderlich. FINREP-/COREP-Berichte für den 31. März 2018 müssen bis zum 12. Mai 2018 eingereicht werden und auch vierteljährliche Eröffnungs- und Schlussbilanzen für Wertberichtigungen für Kreditausfälle beinhalten.[1] Die Anhäufung regulatorischer Anforderungen, die IFRS 9-Kennzahlen im ersten Quartal 2018 erforderlich machen und die Tatsache, dass viele Banken eine Verzögerung ihrer IFRS 9-Implementierungsprojekte melden, rief harsche Kritik des Bankensektors hinsichtlich des EBA-Zeitrahmens hervor.


3. EBA vs. IFRS 9: unterschiedliche Anforderungen für Kreditrisiken

Die EBA hat allgemeine Annahmen für Stresstests festgelegt. Einige der Annahmen für Kreditrisiken widersprechen den allgemeinen IFRS 9-Wertminderungsanforderungen.

  • Statische Bilanzannahme: Der Stresstest wird basierend auf der Annahme einer statischen Bilanz durchgeführt, d. h. auf der Hypothese einer konstanten Bilanzstruktur und eines gleich bleibenden Geschäftsmodells. Gemäß IFRS 9 entspricht der erwartete Kreditausfall der Differenz zwischen allen vertraglichen Cashflows, die gemäß dem Vertrag an ein Institut fließen müssen, und allen Cashflows, die das Institut zu erhalten erwartet (d. h. Cashflow-Defizite). Allerdings müssen die Cashflows für Stresstestzwecke vom ehemaligen auf den aktuellen Stichtag vorgetragen werden, direkte Ausbuchungen oder Nutzungen von Wertberichtigungen für Kreditausfälle dürfen nicht berücksichtigt werden, und Aktiva, die während des Testzeitraums fällig werden, sollen durch Finanzinstrumente ersetzt werden, die hinsichtlich Art, Währung, Bonität am Tag der Fälligkeit sowie der ursprünglichen Fälligkeit zu Beginn des Tests vergleichbar sind.

 

  • Einzelszenarioannahme und ideale Voraussicht: Banken sind aufgefordert, die Entwicklung ihrer Wertberichtigungen für Kreditausfälle (Wertminderung) auf Basis eines Einzelszenarios, d. h. sowohl für ein Baseline- als auch Adverse-Szenario, vorherzusagen. Im Gegensatz dazu definiert IFRS 9 den erwarteten Kreditausfall als wahrscheinlichkeitsgewichtete Schätzung der Kreditausfälle während der erwarteten Laufzeit der Finanzinstrumente (IFRS 9.5.5.17). Deswegen wird der wahrscheinlichkeitsgewichtete Ansatz von IFRS 9 durch die EBA-Annahme einer idealen Voraussicht ersetzt.

 

  • Definitionen und Übergänge der Stufen: Auch wenn Banken angehalten sind, ihr implementiertes IFRS 9-Stufenmodell zur Simulation der Stufenübergänge zu verwenden, führte die EBA einige Erweiterungen und Einschränkungen der Definition von und der Bewegung zwischen Wertminderungsstufen ein. Die Definition der Stufe 3 der EBA beinhaltet Problemkredite und ausgefallene Forderungen (EBA ITS) unabhängig von den implementierten IFRS 9-Kriterien für Stufe 3. Als obligatorisches Kriterium für Stufe 3 wird das relative Wachstumskriterium von 200 % eingeführt. Übergänge von Stufe 3 zu Stufe 1 oder 2 sind untersagt. Die zusätzlichen Anforderungen zwingen Banken dazu, eine umgewandelte Methode zum Stufenübergang zu entwickeln, die für viele Banken eine methodische Abwandlung statt einer Abbildung ihrer implementierten IFRS 9-Modelle bedeutet.

 

  • Risikoparameter: Gemäß der EBA-Methode wird der erwartete Kreditausfall während der Laufzeit durch Multiplikation der Ausfallwahrscheinlichkeit während der Laufzeit mit der Verlustquote bei einem Ausfall während der Laufzeit berechnet. Dieses vereinfachte Verfahren entspricht nicht 1:1 der Methode zur Berechnung des erwarteten Kreditausfalls, die bei den meisten Banken für IFRS 9 implementiert ist. Stattdessen wird der erwartete Kreditausfall während der Laufzeit als Summe der abgezinsten marginalen Faktoren in unterschiedlichen Zeitabschnitten über 1 Jahr oder die Laufzeit eines Finanzinstruments berechnet. Für den EBA-Stresstest ist die Terminologie der Ausfallwahrscheinlichkeit als Konvention „erweitert“, die Wahrscheinlichkeit des Übergangs einer Stufe und nicht nur den Übergang zum Ausfall (z. B. Laufzeit Ausfallwahrscheinlichkeit 12 bezeichnet die Übergangswahrscheinlichkeit zwischen Stufe 1 und 2 während der Laufzeit) zu bezeichnen. Die Vorstellung einer Verlustquote bei einem Ausfall während der Laufzeit bezieht sich auf den erwarteten Kreditausfall möglicher Ausfallereignisse, die mit Aktiva in Verbindung gebracht werden, die innerhalb der verschiedenen Stufen wechseln (z. B. Laufzeit Verlustquote bei einem Ausfall 12 bezeichnet die Verluste während der Laufzeit, die mit Aktiva in Verbindung gebracht werden, die von Stufe 1 in Stufe 2 übergehen). Deswegen erfordert die EBA-Methode die Berechnung neuer Risikoparameter, die ausschließlich für Stresstests verwendet werden können.

Abb. 1: Eine detaillierte Analyse der Stresstest Methode zeigt, dass die EBA zentrale Begriffe des neuen IFRS 9-Impairment-Modells abweichend interpretiert


4. Projektaufbau und Probleme

Mit Blick auf die organisatorische Ausübung kann der Stresstest entweder zentral oder dezentral organisiert und durchgeführt werden:

  • Zentral: lokale Ausübung von „nicht gestressten“ Kontrahentenausfall-, Rechnungslegungs- und Risikodaten und zentrale Berechnung „gestresster“ Risikoparameter, Simulation von Stufenübergängen, Vorhersage von Wertminderungen und Ausfüllen von Reportingvorlagen

 

  • Dezentral: lokale Berechnung erforderlicher „gestresster“ Risikoparameter, Simulation von Stufenübergängen, Vorhersage von Wertminderungen und zentrales Ausfüllen von Reportingvorlagen

 

  • Unterschiedliche Mischformen sind auch möglich

 

Der organisatorische Aufbau des Stresstests hängt oft von der implementierten IFRS 9-Infrastruktur ab. Erfahrungsgemäß entscheiden sich Bankengruppen für zentrale Lösungen mit dedizierten (und oft selbst entwickelten) Stresstest-Tools, die entsprechend aktualisiert wurden, um die neuen EBA-Anforderungen für Kreditrisiken erfüllen zu können. Oder aber Banken nutzen ihre implementierten IFRS 9-Rechenkerne für erwartete Kreditausfälle zu Stresstestzwecken.

Abb 2: Zur zielgerichteten Ermittlung der Impairment-Kennzahlen für den EBA-Stresstest 2018 im Bankkonzern wird auf die neue IFRS 9-Architektur aufgesetzt


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[1] Am 31. Januar veröffentlichte die EBA eine Neufassung der finalen Version, die kleinere Korrekturen beinhaltet.

[2] Anfang Dezember 2016 veröffentliche die europäische Bankaufsichtsbehörde (EBA) den finalen technischen Durchführungsstandard (Implementing Technical Standard – ITS) zur Änderung der Meldepflicht von Finanzinformationen (FINREP) aufgrund IFRS 9.