03.01.2018

IRRBB – Zinsänderungsrisiko im Fokus der Aufsichtsbehörden


Bereits seit 2015 steht das Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch (Interest Rate Risk in the Banking Book, IRRBB) verstärkt im Fokus der Aufsichtsbehörden. Den Anfang machte das Baseler Komitee mit der Konsultation zu den Standards für IRRBB (BCBS #319), welche seit April 2016 als finale Version veröffentlicht sind (BCBS #368). Nur kurze Zeit später veröffentlichte auch die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (European Banking Authority, EBA) Leitlinien zu IRRBB (EBA/GL/2015/08), die seit dem 01.01.2016 in Kraft getreten sind. Ende 2016 wiederum wurden neue Entwürfe der CRR (CRR II) sowie der CRD (CRD V) zur Konsultation gestellt, die sich u.a. auch dem Thema IRRBB annehmen. Spätestens mit der Neufassung der EBA-Leitlinien zu IRRBB, die im Oktober 2017 veröffentlicht wurde und noch bis Ende Januar 2018 zur Konsultation steht, stellen sich nun viele Institute die Frage des Zusammenhangs der regulatorischen Veröffentlichungen bzw. der Anforderungen, die sich daraus für ihr jeweiliges Haus ableiten lassen. Einen Überblick über die bisherigen und bereits für die kommenden Jahre geplanten regulatorischen Veröffentlichungen liefert Abbildung 1:


IRRBB Abb.1

Abbildung 1: Aufsichtsrechtlicher Fahrplan IRRBB (Internationale Perspektive)


Vor diesem Hintergrund stellt dieser Beitrag die Inhalte und zentralen Herausforderungen der wichtigsten regulatorischen Veröffentlichungen kompakt dar und erläutert die Wirkungszusammenhänge zwischen den einzelnen Initiativen. Der Fokus liegt dabei auf den Papieren des BCBS und der EBA und hier insbesondere auf dem Update der EBA-Leitlinien, welches für EZB-beaufsichtigte Institute von besonderer Relevanz ist.


BCBS #368 – Standards zu IRRBB

Auch wenn die Papiere des Baseler Komitees (Basel Committee on Banking Supervision, BCBS) streng genommen nur eine Empfehlung darstellen und keine unmittelbare Rechtswirkung haben, so dienen sie den europäischen und nationalen Aufsichtsbehörden dennoch als Leitwerk, an denen sich die jeweiligen Regulierungsinitiativen oftmals stark anlehnen. Dementsprechend verhält es sich auch mit den Standards zum Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch, die im April 2016 final veröffentlicht und gem. den Vorgaben des BCBS ab 2018 von den zuständigen Aufsichtsbehörden umgesetzt werden sollen.


Das Baseler Papier lässt sich in drei große Abschnitte unterteilen: Neue Anforderungen an den Steuerungskreislauf des Zinsänderungsrisikos (Principles 1 bis 7), Offenlegungsanforderungen (Principles 8-9) sowie Anforderungen an die Aufsichtsbehörden (Principles 10-12). Darüber hinaus enthält das Papier einen Standardansatz zur Messung des Zinsänderungsrisikos. Während dieser Standardansatz in der ursprünglichen Konsultationsfassung BCBS #319 noch mit einer EK-Unterlegungspflicht verbunden war, dient er in der finalen Fassung als eine „Fallback“-Lösung, welche Institute freiwillig anwenden können oder anwenden müssen, falls die internen Modelle von der Aufsicht als nicht adäquat befunden werden.


Ein besonderer Fokus des Baseler Papiers liegt auf der Dualität von periodischer und barwertiger Zinsrisikomessung und -steuerung. So ist die Betrachtung einer der beiden Perspektiven in Zukunft nicht mehr ausreichend. Stattdessen gilt es, die Implikationen für Kapitalunterlegung und Steuerung beider Perspektiven zu berücksichtigen und miteinander zu vereinen. Neben der Anforderung einer integrierten Zinsbuchsteuerung wird den Instituten aber auch mehr Flexibilität bei der Steuerung und Messung des Zinsänderungsrisikos eingeräumt. So sieht BCBS #368 z. B. die Möglichkeit der Abbildung des Zinsrisiko-relevanten Cashflows für den Standardzinsschock auf Basis des Innenzinssatzes vor.


Über die fachliche Konzeption hinaus werden Institute durch die neuen Anforderungen vor allem bzgl. der technischen Umsetzung vor große Herausforderungen gestellt. Darüber hinaus stellt BCBS #368 erhöhte Anforderungen an die Anzahl und die Ausgestaltung der zu berücksichtigenden Zinsszenarien, die Offenlegung und die IRRBB-Governance. Neben den dezidierten Anforderungen für IRRBB fordern die Baseler Standards auch eine adäquate Berücksichtigung des Credit-Spread-Risikos im Bankbuch (CSRBB).


EBA-Leitlinien zum Management von IRRBB (EBA/GL/2015/08)

Auf europäischer Ebene hat die EBA bereits im Jahr 2015 neue Leitlinien zum Zinsänderungsrisiko im Anlagebuch veröffentlicht (EBA/GL/2015/08), welche die seit 2006 gültigen CEBS-Leitlinien über technische Aspekte der Steuerung des Zinsänderungsrisikos bei Geschäften des Anlagebuchs abgelöst haben. Die EBA-Leitlinien lassen sich in fünf übergeordnete Leitlinien unterteilen (IRRBB 1-5): Internes Kapital, Messung des IRRBB, Zinsschockszenarien, interne Governance-Regelungen bzw. IRRBB-Strategien und aufsichtsrechtliche Standardschocks. Das Credit-Spread-Risiko ist abweichend zu BCBS #368 explizit nicht Teil der EBA-Leitlinien.


Wie BCBS #368 fordern auch die EBA-Leitlinien eine Betrachtung des Zinsänderungsrisikos aus barwertiger und periodischer Perspektive und beinhalten darüber hinaus noch einige methodische und modelltechnische Einschränkungen bzw. Anforderungen für die Berechnung des aufsichtsrechtlichen Standardzinsschocks.


Die EBA-Leitlinien sind seit dem 01.01.2016 gültig und besitzen insbesondere für direkt durch die EZB beaufsichtigte Institute hohe Relevanz. Doch auch die nationalen Aufsichtsbehörden in der EU haben sich „compliant“ gemeldet und wollen die Standards der EBA umsetzen. So werden z. B. in Deutschland Teile der Anforderungen des aufsichtsrechtlichen Standardzinsschocks durch die Neufassung des BaFin-Rundschreibens 11/2011 implementiert.[1]


Abbildung 2 fasst die zentralen Inhalte der EBA/GL/2015/08 und der Baseler Standards BCBS #368 nochmals zusammen:

IRRBB Abb.2

Abbildung 2: Überblick IRRBB-Anforderungen BCBS #368 und EBA/GL/2015/08


Um die Anforderungen der beiden Papiere zu synchronisieren und den jüngsten aufsichtsrechtlichen Entwicklungen Rechnung zu tragen, hat die EBA im Oktober 2017 ein Update der Leitlinien zu IRRBB veröffentlicht. Dies stellt gleichzeitig den ersten Schritt in Richtung der Umsetzung der Baseler Standards auf europäischer Ebene dar.


Neufassung EBA-Leitlinien zu IRRBB – erster Schritt zur Umsetzung von BCBS #368 in europäisches Recht

Bereits zu Beginn des Jahres 2017 hat die EBA in ihrer sogenannten „Pillar 2 Roadmap“ ein Update der EBA/GL/2015/08 angekündigt. Hintergrund sind, wie oben bereits erwähnt, die neuen Anforderungen der Baseler Standards und deren anstehende Umsetzung in europäisches Recht. Hierbei soll das Update der EBA-Leitlinien ein erster Schritt der Implementierung von BCBS #368 sein.


Dementsprechend finden sich große Teile der Anforderungen an die Messung und Steuerung des Zinsänderungsrisikos aus den Principles 1 bis 7 der Baseler Standards in den neuen EBA-Leitlinien wieder. Daneben wurden Teile der aktuell noch gültigen EBA-Leitlinien übernommen und um einige neue Anforderungen angereichert, die sich insbesondere auf den aufsichtsrechtlichen Standardzinsschock bzw. den sog. Ausreißertest beziehen. Hier zielt die EBA mit ihren neuen Anforderungen auf eine Verbesserung der Vergleichbarkeit zwischen den Instituten ab. Neben bereits aus den EBA/GL/2015/08 bekannten Elementen wie der Begrenzung der maximalen durchschnittlichen Laufzeit von Einlagen mit unbestimmter Zins- und Kapitalbindung auf fünf Jahre und der Berücksichtigung von automatischen und verhaltensbasierten Optionen, ergeben sich aber zukünftig auch gewisse methodische Spielräume. So können Institute analog dem in BCBS #368 skizzierten Vorgehen z. B. im Standardzinsschock zwischen der Innenzins- und Außenzinsperspektive wählen, sollten hier allerdings die Konsistenz zu den intern gewählten Verfahren der Risikomessung gewährleisten.


Neben den neuen IRRBB-spezifischen Anforderungen wurde der Scope der EBA-Leitlinien zudem analog BCBS #368 auf das CSRBB erweitert.


In Summe ergeben sich die in Abbildung 3 dargestellten fünf Unterabschnitte: Allgemeine (übergreifende) Regelungen, Internes Kapital (Identifikation, Berechnung und Allokation), Governance, (Risiko-)Messung und Ausreißertest sowie ein zusätzliches Kapitel mit Definitionen.

IRRBB Abb.3

Abbildung 3: Inhalte EBA/CP/2017/09 und Abgleich mit aktuellen EBA/GL/2015/08 bzw. BCBS #368


Das Update der EBA-Leitlinien ist jedoch nur der erste Schritt der Umsetzung von BCBS #368. Mit den CRR II, den CRD V und weiteren bereits angekündigten Papieren der EBA werden in den kommenden Jahren nach und nach einzelne Bausteine der Baseler Standards umgesetzt.


Weitere Schritte zur Umsetzung von BCBS #368

Während sich BCBS #368 an die Institute und die Aufsichtsbehörden richtet, adressiert die EBA mit den neuen EBA-Leitlinien bewusst ausschließlich die Institute. Die in BCBS #368 enthaltenen Anforderungen an die Aufsichtsbehörden hingegen finden sich im neuen SREP-Leitfaden der EBA wieder (EBA/CP/2017/18), der ebenfalls in einer neuen Fassung und zeitgleich zu den neuen EBA-Leitlinien zur Konsultation steht. Darüber hinaus werden die weiteren Elemente wie die Offenlegung bzw. der Standardansatz durch die CRR II bzw. CRD V und damit verbundener zusätzliche Regulatory Technical Standards (RTS) der EBA umgesetzt. In Summe ergibt sich das nachfolgend dargestellte Bild, welches das Zusammenspiel der geplanten Initiativen verdeutlicht:

IRRBB Abb.4

Abbildung 4: Zusammenspiel der geplanten Initiativen bzgl. IRRBB


Fazit und Herausforderungen

Die Aufsichtsbehörden haben mit ihren jüngsten Veröffentlichungen einen ersten Schritt hin zur Umsetzung der IRRBB-Standards gem. BCBS #368 auf europäischer Ebene gemacht. Der zukünftige Fahrplan der anstehenden Veröffentlichungen ist darüber hinaus klar vorgezeichnet. So werden nach und nach weitere Elemente der Baseler Standards implementiert und in die aufsichtsrechtliche Praxis überführt. Dies reduziert zumindest die Unsicherheit auf regulatorischer Seite in gewissem Grade. Gleichzeitig werden die Institute aber vor eine Vielzahl von Herausforderungen konzeptioneller und technischer Natur gestellt. Das Zinsänderungsrisiko muss zukünftig barwertig und periodisch gesteuert werden und Impulse beider Steuerungsperspektiven berücksichtigt werden. Darüber hinaus sind die Anforderungen an Szenarien und die damit verbundenen Parameter, wie z. B. Ausübungsquoten, stark gestiegen. Je nach Komplexität fordert die Aufsicht für verhaltensbasierte Optionen eine Dynamisierung der Cashflows, was ein stimmiges Gesamtkonstrukt zwischen Szenarien und Parametern, wie z. B. Ausübungsquoten, voraussetzt. Dazu kommen eine Vielzahl neuer Anforderungen bzw. Restriktionen wie z. B. im Standardzinsschock.


Die Institute sind daher angehalten, sich frühzeitig mit den neuen Anforderungen, den Implikationen und möglichen Spielräumen aus fachlicher Perspektive zu befassen, um bei Inkrafttreten der neuen Anforderungen die Compliance sicherstellen zu können. Darüber hinaus muss sichergestellt werden, dass die fachlichen Anforderungen auch von technischer Seite implementierbar sind. Dies ist durch zeb.control und das zugehörige IRRBB-Modul vollumfänglich gewährleistet, welches bereits jetzt die neuesten aufsichtsrechtlichen Entwicklungen berücksichtigt.